Wie marode ist dieses Land eigentlich?

Nein, gemeint sind dieses Mal nicht die Politik, nicht der Deutsche Fußballbund, nicht die dekadenten Superreichen, nicht der Bundesverband der Deutschen Geflügelwirtschaft. Gemeint ist die öffentliche Infrastruktur: Straßen, Gebäude, Brücken, Schulen, Universitäten, die Bahn. Auf die Bundesbahn schimpfen ist Volkssport. Daran beteiligen sich viele. Gerne auch diejenigen, die nie damit fahren. Überzeugte Bahnfahrer wie ich glauben immer noch an das Gute und träumen von den Zeiten, als die Bahn noch öffentlicher Dienst war und bräsige Beamte, anstatt Fahrscheine zu kontrollieren, lieber ihre mitgebrachte Stulle verzehrten und ab und zu einen Fahrgast anraunzten. Damals konnte jemand wie ich, der als Student kein Geld hatte, noch sorglos schwarzfahren. Apropos Stulle:  Heute, am Frühstückstisch, stand ich vor der Frage: Nehme ich das Auto oder die Bahn? Ich hatte einen Termin in Baden-Baden. In der letzten Zeit hatte ich die Bahn als recht unzuverlässig erlebt. Verspätungen, ausgefallene Züge, letzte Verbindung weg. Trotzdem fiel die Entscheidung für die Bahn. Ich fand einen Zug, mit dem ich 30 Minuten vor Beginn meines Termins hätte zur Stelle sein können. Passt. Weil die Busverbindung von meinem Wohnort zum Bahnhof Freiburg nicht genau passte, musste ich eine halbe Stunde leere Zeit am Bahnhof in Kauf nehmen. Bahnhöfe sind keine erbaulichen Orte. Man sitzt dann am zugigen Bahnsteig und starrt nervös auf die Anzeige. Bis zehn Minuten vor Abfahrt war alles gut. Dann: 30 Minuten Verspätung. Dazu die mündliche Ansage: Grund ist eine Reparatur am Zug. Telefonische Info an meinen Terminpartner: Ich komme 10 Minuten später. Kurz darauf eine neue Ansage: Der Zug hat 40 Minuten Verspätung. Gleicher Grund. Man wartet geduldig mit steigendem Zorn. Dann erneute Ansage: Der Zug hat 50 Minuten Verspätung. Ob das irgendwann aufhört? Schließlich kam der Zug, ob repariert oder nicht, wurde den Reisenden nicht mitgeteilt, aber er verließ Freiburg mit 54 Minuten Verspätung. Der Speisewagen war übrigens geschlossen wegen fehlendem Servicepersonal. Was die Bahn aber supertoll hinkriegt: Im Minutentakt Kurznachrichten über Verspätungen und verpasste Anschlüsse meiner gebuchten Verbindung.

Für die Rückreise war ein Zug um 14:05 h angepeilt. Der hatte nur 10 Minuten Verspätung. Grund: Reparatur am Zug. Man macht sich dann schon so seine Gedanken, in welch prekärem Zustand die hochmodernen ICEs der Bahn wohl so ganz allgemein sein mögen. Neulich engleiste ein Zug, weil die Betonschwellen marode waren. Und wer, anstatt in sein Smartphone zu glotzen, während der Bahnfahrt den Blick nach draußen schweifen lässt, dem tun sich grauslige Bilder auf von verrosteten Signalen und Weichen, verrotteten Gleisanlagen, stillgelegten Bahnhöfen, und immer mit viel Müll im Gelände.

Die Verkehrsminister der letzten Jahrzehnte haben dem Straßenverkehr den Vorrang gegeben (Der letzte, Andreas Scheuer, war beliebt wegen seines folkloristischen Unterhaltungswerts). Aber auch bei Straßen und Brücken gibt es einen hohen Sanierungsbedarf: „In Deutschland gibt es mehr marode Brücken als bislang angenommen.“ Quelle? Egal. Wird schon was dran sein.

Und dann die Schulen, Kindergärten, Universitäten. Ca. 400 Unis gibt es in Deutschland, und viele davon sind dringend sanierungsbedürftig. Undichte Dächer und Fenster, Asbest, fehlende Steckdosen für die Laptops der Studierenden, energetisch absolut untragbar. Bei den Schulen sind es die kaputten Toiletten, die Fenster, die Gebäudeisolierung, der allgemeine desolate Zustand der Gebäude.

Reicht das für eine erste Bestandsaufnahme? Was also ist los in diesem Land, wo selbst die Bundeswehr nicht genug Unterhosen hat, vom untauglichen militärischen Gerät mal ganz zu schweigen?

Ja gut, es gibt natürlich auch die andere Seite. Die Wachstumsbranchen wie Amazon, Google, Porsche, Tesla, und wie sie alle heißen. Die mit den glänzenden Bürotürmen in den Bankenvierteln, den modernen Produktionsstätten des Tesla oder der Pharmaindustrie, die megacoolen Startups mit neuen Produkten und Dienstleistungen, die kein Schwein braucht – da geht das Geld hin. Die öffentlichen Unternehmen, Einrichtungen, Dienste bleiben auf der Strecke. Dafür fehlt der öffentlichen Hand das Geld. Insofern dann doch wieder Regierungsschelte. Ich gehe davon aus, dass von diesem Blogbeitrag entscheidende Impulse für ein Umsteuern ausgehen.


3 Kommentare on “Wie marode ist dieses Land eigentlich?”

  1. Achim sagt:

    „Ich gehe davon aus, dass von diesem Blogbeitrag entscheidende Impulse für ein Umsteuern ausgehen.“ So soll es sein, unbedingt, danke, wunderbar!

  2. Gertrud Rogg sagt:

    Das Verkehrsmysterium, äh sorry, Ministerium wird seit zig Jahren von der falschen Partei besetzt und nun hat sich diese Fehlbesetzung mit der FDP fortgesetzt. Die Prioritäten werden weiterhin zu Ungunsten der Klimakrise gesetzt. Weckrufe? Wie viele denn noch?
    Aber: letzte Woche Freiburg Berlin und zurück, Zug samt Anschlüssen in beide Richtungen pünktlich. Schaffner:innen total nett, verantwortungsbewusst und bemüht, allen gerecht zu werden. Ja, auf die Verkehrspolitik schimpfen ist ok. Aber bitte nicht auf das Personal, das mit vollem Einsatz noch versucht, das Beste aus dem Desaster herauszuholen.

  3. Florian sagt:

    Die Frage stelle ich mir fast jeden Tag;(


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..