Frieden schaffen ohne Waffen. Eine Grabrede

Liebe Trauergemeinde,

wir sind heute hier versammelt, um das Ableben einer für möglich gehaltenen Utopie zu betrauern: Den Traum vom friedlichen Zusammenleben der Völker. Wir tragen heute den Pazifismus zu Grabe. Der Glaube an die Kraft des gewaltlosen Widerstands ist tot. Ehemals Friedensbewegte fordern die Lieferung von Waffen in Kriegsgebiete und begrüßen die Aufrüstung der Bundeswehr. Sie tun es mit schlechtem Gewissen, aber sie tun es, weil Gespräche, Verhandlungen und Versprechungen die Gewalt nicht aufhalten konnten. Sie tun es, weil die Vereinten Nationen, einst geschaffen, um Kriege zu verhindern, machtlos sind angesichts neuer, das Völkerrecht missachtender Kriege.

Wer immer noch meint, gewaltbereite Despoten und machtgeile Autokraten mit dem Bild der Friedenstaube zum Einhalten bringen zu können, gilt als hoffnungslos naiv. Während wir heute die Idee der Gewaltfreiheit und des friedlichen Zusammenlebens der Völker beerdigen, erleben wir die Auferstehung der Propagandisten der Gewalt und der militärischen Abschreckung. Frieden schaffen mit mehr Waffen – das ist das neue Credo. Die drohende Vernichtung der menschlichen Existenz und der natürlichen Lebensgrundlagen auf dem Globus durch den Klimawandel wird überlagert durch die reale Gefahr eines Atomkrieges.

Liebe um dieses Grab versammelte Trauergemeinde: In den hinteren Reihen sehen wir die Heuchler und Kriegsgewinnler stehen, die Krokodilstränen vergießen, während sie gleichzeitig mit heimlichem Vergnügen auf ihren Smartphones die rasant steigenden Aktienkurse der Rüstungsindustrie, in die sie investiert haben, beobachten.

Hören wir zum Schluss dieser Trauerfeier ein letztes Mal das Antikriegslied „Es ist an der Zeit“. Vielleicht wird ja doch noch die Schlusszeile Wirklichkeit, die da heißt: „Doch es finden sich immer mehr Menschen bereit, diesen Krieg zu verhindern. Es ist an der Zeit“.


10 Kommentare on “Frieden schaffen ohne Waffen. Eine Grabrede”

  1. Wolfgang Schulz-Weiling sagt:

    …ich bin nicht besonders gläubig. „Weniger glauben, mehr denken“ hat Simmel mal getextet. Dennoch, auch am Grab gibt es für viele den Glauben an die Wiederauferstehung! Glauben wir daran, dass es irgendwann auch wieder eine Zeit geben wird, wo, bilateral und/oder multilateral, „auf Augenhöhe, weltweit, wasserwaagenkonform von vielen oder allen Seiten“ es dann auch wieder Abrüstungsgespräche geben wird, ein nie endendes Nachdenken über ein sogenanntes „Gleichgewicht des Schreckens“, dieses dann aber ausgerichtet auf ein maximal möglich niedriges Niveau!
    Nur, leider, es werden niemals alle so oder überhaupt lernfähig sein!

  2. Christian sagt:

    Eine jede Krise hat leider Ihre Profiteure. Waren es in den letzten zwei Jahren noch Biontech Pfizer, Amazon und Co, sind es jetzt Rheinmetall, Thyssen-Krupp und so….
    Mir wäre auch lieber, die Gewinne der Pharmakonzerne würden weiter sprudeln angesichts eines neu entwickelten Impfstoffs gegen Panzer und Nuklearwaffen.
    Giftspritzen gibt es ja schon, wäre nur noch die Frage, wie man sie in den richtigen (Despoten-) Arm bekommt.
    Bleibt zu hoffen, dass der Mann von den eigenen Reihen gestoppt wird, was angesichts von Gewalt- und Unterdrückungsherrschaft sowie manipulierten und zensierten Medien zwar nur eine kleine Hoffnung ist. Junge protestierende Russländerinnen und Russländer verleihen der Hoffnung zumindest den sprichwörtlichen Schimmer. Mehr Einfluss haben aber eher (finanziell) verärgerte Oligarchen. Bei allem Respekt vor dem wirklich tollen Stück von Hannes Wader, Constantin Wecker und Reinhard Mey; dessen (das Stück) Einfluss auf das Innehalten von gewaltbereiten Despoten ist vermutlich auf einer ähnlichen Bedeutungsskala anzusiedeln wie das Bild der Friedenstaube.
    Was also schlägst Du vor, Jürgen?
    Wie soll ein Mensch mit Putins Persönlichkeitsstruktur ohne Gesichtsverlust je wieder rauskommen aus der Nummer? Ohne starken Abgang macht der das sicher nicht freiwillig, und aus dem Friedensnobelpreis à la Jassir Arafat 1994 wirds wohl nix mehr werden.
    Bleibt wohl doch nur die drohnengesteuerte Giftspritze.
    Sputnik X wäre vielleicht ein passender Name für den in Russland entwickelten Wirkstoff.

    ja, es ist an der Zeit… Aber für welches richtige Vorgehen

  3. Wenn man sicher sein könnte, dass das seit der Antike bewährte Mittel des Tyrannenmords (Julius Cäsar!) zum Erfolg führt, wäre das meine erste Wahl. Wäre es bei Hitler am 20. Juli gelungen, dann wäre vermutlich die Geschichte anders verlaufen. Aber ist Putin ein Tyrann im klassischen Sinne? Hat er nicht einen großen Teil der russischen Bevölkerung hinter sich? Und würde seine Beseitigung nicht einen noch schlimmeren Nachfolger hervorbringen?
    Technisch wäre es den Amerikanern wahrscheinlich möglich, Putin mit einem Drohnenangriff zu beseitigen. Noch besser wäre natürlich ein Attentat aus den Reihen der eigenen Gefolgschaft. Bei Trump war bekannt, dass es Leute gab, die ihn am Äußersten gehindert hätten. Bei Putin weiß man das nicht.
    Das Grundübel ist aber nicht dadurch zu beseitigen, dass man einzelne Wahnsinnige gewaltsam aus dem Amt entfernt. Diese Typen wachsen ja nach, es kommen immer wieder neue an die Hebel der Macht. Und leider, man muss es so sagen, waren es sogar in vielen Fällen Wahlen, die ihnen dazu verholfen haben (auch die Nazis haben 33 die Wahlen gewonnen).

  4. Jürgen H. sagt:

    Ja, es schmerzt, dass Demokratien offenbar keine friedensstiftende Antwort haben auf Attacken absolutistischer Autokraten. – Und Xi Jinping scharrt schon mit den Hufen…

  5. Gertrud Rogg sagt:

    Gut beobachtet. Ich stehe ebenfalls mit meiner flügellahmen Taube da und weiß nicht, ob ich sie hinterherwerfen oder doch noch zum Tierarzt bringen soll.

  6. Horst sagt:

    Keiner wird eine Antwort auf all die Fragen haben, die mit dieser Entwicklung zu tun haben. Wir stehen alle zornig und ratlos vor dem Scheitern der diplomatischen Verhandlungen. Ein großer Krieg, der das Potenzial hat, schreckliche viele Opfer hervorzubringen. Außerdem spielt sich dieses Grauen in Europa ab. Wir sind nicht gut vorbereitet auf die Situation und wie sollten wir das auch sein? Wir haben geträumt, wie Gilbert es in seinem Blog geschrieben hat. Der Traum ist zunächst einmal ausgeträumt. Wir müssen uns damit abfinden, dass wir ab jetzt anders agieren müssen. Dazu zählt die Verteidigungsbereitschaft, die viele von uns glaubten, vernachlässigen zu können, weil so was doch nie wieder passieren würde… Aber wir müssen auch dafür sorgen, dass wir in unserem Frust nicht alle Türen zu dem zuschlagen, von dem die Bedrohung für uns alle ausgeht. Im Moment erkennen wir, dass die Tatsache, dass wir vieles (durch Smartphone-Videos, asoziale Medien, Blogs etc.) mitbekommen und uns ein viel Konkreteres (aber doch auch kein zweifelsfreies) Bild machen können. All die Nachrichten, Informationen und Desinformationen verarbeiten wir nur schwer. „Die Wut wächst aufn Kaiser“ hat Georg Danzer gesungen. Wenn er, was wir einmal nicht hoffen wollen, noch lange im Amt bleibt, heißt das, wir werden irgendwann auch mit ihm wieder reden müssen. Wer kann das tun und wie sollen solche Gespräche nach dem Tag X aussehen? Im Moment wirken viele Statements so, als sollten alle Türen nach Russland für immer geschlossen werden. Das geht nicht.

  7. Stephan Schwär sagt:

    Liebe Leser:innen, mir laufen die Tränen übers Gesicht bei diesem Lied und es kommt mir der Gedanke: „Was wollen die drei alten Männer…?“ Und auch die friedliebendsten Menschen zahl(t)en immer einen hohen individuellen Preis, ob sie Ghandi, Mandela, Kalesnikowa oder Jesus heißen. Sie sind bereit für Auseinanderesetzungen, in denen sie die eigenen Gesichter und Knochen hinhalten. Es gibt keinen Frieden ohne die Bereitschaft zum Opfer. Eines dieser Opfer wird sein, dass man mit einem Verbrecher reden muss und eine „goldenen Brücke“ baut, über die er dann hoffentlich auch gehen wird.

    Ich weigere mich, die bisherige Ostpolitik im Nachhinein zu verteufeln und schlecht zu reden. Was ist denn schlecht an Vertrauen und am Glauben an das Gute im Gegenüber? Ist das nicht die erste Grundlage für unser Mensch(lich)sein?
    Ja, der Fehler war, Gespräche und auch das Aufzeigen von Grenzen immer damit zu verbinden, dass wir und unsere Wirtschaft nicht aus der Komfortzone heraus müssen. Es war nicht so sehr Blauäugigkeit, sondern Eigennutz. Und daran sind wir auch persönlich beteiligt und aus diesen Verstrickungen kommen wir am Ende auch nicht raus. Preiswert heizen, große Autos, weite Reisen, Geldanlage, günstige Lebensmittel, Lebensstandard sichern… Wer will und kann schon so radikal sein, dass sie/er kompromisslos lebt? Und dann acuh als Gesellschaft?
    Was uns so sehr beschämt und beschäftigt ist, dass wir nicht nur Putin gegenüber, sondern an dieser Stelle auch im eigenen Bereich hilflos sind.

    Eine Erkenntnis verstärkt sich: Ein Überleben der Menschen kann nur Miteinander gelingen, so schwierig das ist. In der Nachbarschaft, im Dorf, im Hexental, … Da gibt es auch nicht nur Freunde und ähnlich denkende (wie in diesem Blog)…

    Danke für Das Teilen der Gedanken und für die Möglichkeit, ebenfalls zu teilen!
    Und lasst uns unsere Friedenstauben gut pflegen, wir brauchen sie!

  8. Danke für Deinen Kommentar. Ja, wir müssen die Hoffnung auf Frieden nicht aufgeben …

  9. Danke für Deinen Kommentar. Für Gespräche braucht es die Bereitschaft von beiden Seiten. Und man muss darauf vertrauen können, dass Vereinbarungen eingehalten werden. Dieses Vertrauen ist derzeit nicht da.

  10. Geben wir der Taube noch eine Chance …


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