Der Computer brennt. Erinnerungen an die EDV-Steinzeit.

Wenn der PC, der Laptop oder das Smartphone wieder mal unverständliche Fehlermeldungen ausspucken und Sie, liebe/r User*innen nicht wissen, ob Sie gerade im Tabletmodus, Flugzeugmodus oder Deliriummodus sind, oder ob Ihnen gerade ein Windows Update den Homeoffice-Alltag zerhackt oder ob Ihnen vielleicht Netzwerkprobleme um die Ohren fliegen – einfach mal ein Nutellabrötchen schmieren und abwarten. In die Schreibtischkante beißen hilft eh nicht weiter. Über meinem PC-Arbeitsplatz hing lange Zeit eine Glosse, die vor genau 25 Jahren aus damals aktuellem Anlass geschrieben wurde (vor der Rechtschreibreform und gendergerechter Sprache!), und die ging so:

Mein EDV-Alltag. Aus dem Tagebuch eines Users.

Früher begann der Arbeitsalltag eines homo buerocraticus damit, daß er sich zunächst vom ordnungsgemäßen Zustand seines Arbeitsgerätes überzeugte: Bleistift gespitzt? Farbband in der (mechanischen!) Schreibmaschine noch brauchbar? Kohlepapier für Durchschläge ausreichend vorhanden? Das ist, wie die erwähnten Utensilien vermuten lassen, schon ganz schön lange her. Heute beginnt der Büroalltag mit dem „Einloggen“. EDV-erfahrene Leser und Leserinnen wissen, daß damit keine unzüchtige Handlung gemeint ist. Mitnichten. Mit „einloggen“ wird jener Zustand hergestellt, den meine Kollegin aus dem Markgräflerland als „der Computer brennt“ bezeichnet. Wer nun glaubt, daß, wenn der Computer brennt, sozusagen schon die schwierigsten Hürden des Tages gemeistert sind, der ist auf dem Holzweg. Der Einstieg in das digitale Büroleben geht selten ohne Umwege vonstatten, sondern ist begleitet von mysteriösen, parapsychologischen Phänomenen, die den Benutzer -pardon! – den User – in tiefe Bestürzung, Ratlosigkeit oder gar Verzweiflung zu versetzen vermögen.

Zum Beispiel gestern: Einloggen wie üblich. „You have mail!“ – das vermeldet mein PC-Bildschirm jeden Morgen als erstes. Und wie jeden Morgen weiß ich, daß es sich dabei um eine infame Lüge handelt, jedenfalls meistens. Wo ich doch so gerne Post bekomme. Ein unerklärlicher Programmfehler, sagen die Experten. Manche Tage bestehen aus einem einzigen unerklärlichen Programmfehler. So wie gestern. Kaum hatte ich mich durch die verschiedenen Menü-Punkte bis zu meinem Lieblingsprogramm, den Projektanwendungen, vorgearbeitet, da deuchte mir bereits weiteres Ungemach. Der Bildschirm präsentierte mir nämlich die folgende Fehlermeldung:

„Die Anwendung ist im Nachbearbeiten des Wertes, den sie selbst gesetzt hat, oder im Operator vom Typ DISPLAY gescheitert. Bitte die Anwendung auf diese Inkonsistenz überprüfen.“

Tja. Da helfen auch 13 Jahre Deutschunterricht einschließlich Kafka, Handke und schriftlicher Abiturprüfung nicht weiter. Da muß ein der Computersprache mächtiger Systembetreuer her. Der ist aber wie immer, wenn der Computer wirklich brennt, gerade unauffindbar, und ich bin bis auf weiteres zur Tatenlosigkeit verurteilt.

Früher war der schlimmste Büro-GAU ein verheddertes Farbband in der Schreibmaschine. Mit einer Mischung aus gesundem Menschenverstand, handwerklichem Geschick und einer entsprechend zurechtgebogenen Büroklammer konnte man das wieder in Ordnung bringen. Heute gibt es erstaunlicherweise immer noch Büroklammern, aber sie können nicht mehr zweckentfremdet werden, zum Beispiel, um eine Anwendung auf diese Inkonsistenz zu überprüfen. Eigentlich schade.

(Jürgen Lieser, März 1996)


2 Kommentare on “Der Computer brennt. Erinnerungen an die EDV-Steinzeit.”

  1. Peter Raab sagt:

    Probier mal Folgendes, Jürgen. Setz Dich jeden Morgen, bevor Du dich an den Computer setzt, auf Dein Sitzkissen am Boden und entspann Dich erst einmal. Nur aufrecht und entspannt sitzen. Lass den Atem kommen und gehen, wie er kommt und geht. Und dann hör auf zu denken. Lass alle Gedanken los, und komm mit Deinem Bewusstsein an In der Gegenwart. HIER und JETZT. Du bist jetzt nur noch gegenwärtig – und ganz tief entspannt. Du denkst nicht an vorher und nicht an nachher. Gönne Dir eine halbe Stunde reiner Präsens. Einfach nur da sein, geistes-gegenwärtig sein. (Smily)

  2. Ich mag deine Art zu schreiben, Jürgen. Musste immer wieder lächeln… und da Du ja gerne Post erhälst, schreib ich Dir auf diesem Wege. 😉


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