„Papa hat immer gepupst“. Ein Beitrag zur Enttabuisierung des Furzens

Nun ist mir Harald Martenstein zuvorgekommen mit seiner Kolumne im aktuellen Zeitmagazin (Nr. 4 vom 21.1.2021) über die Kijimea-Werbespots. Man kann ihnen nicht entgehen, immer kurz vor der Tagesschau. Muss ein Schweinegeld kosten, diese Werbung.  Jeder Spot um die 20 Sekunden lang, und immer nach dem Muster: Sympathische/r Mann, Frau, Oma hat Blähungen, schämt sich natürlich dafür, süßes Kind oder ersatzweise süßer Hund schämen sich mit. Aber alles wird gut mit Kijimea Reizdarm PRO: Wie weg!

Martenstein glaubt übrigens beobachtet zu haben, dass Menschen mit erkennbarem Migrationshintergrund nicht in der Kijimea-Werbung vorkommen und fragt sich, welche Rückschlüsse auf deren Blähungserleben daraus zu ziehen wären. Das wollen wir der interkulturellen Flatulenzforschung (Furzologie) überlassen.

Hier und heute soll es um die Frage gehen: Warum ist furzen ein gesellschaftliches Tabu? Zumindest gilt das für das öffentliche Furzen. Laut Duden bedeutet furzen „eine Darmblähung (laut) entweichen lassen“. Wobei nach dem gesunden Volksempfinden nicht allein die Lautstärke, sondern auch die olfaktorische Entfaltung eines Furzes dessen Qualität ausmachen. Nicht umsonst warnt der Volksmund vor denen, die so leise zischen, usw. Man kennt den Spruch. Immer wieder wird behauptet, dass in früheren Zeiten das Furzen nicht in gleicher Weise geächtet war wie heute. Von Martin Luther soll der Ausspruch sein: „Aus einem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz“. Michel de Montaigne, einer der bedeutendsten Philosophen des Späthumanismus, hat im 16. Jahrhundert schon anerkennend über die Kunst des Furzens berichtet: „Und wenn der heilige Augustinus … anführt, er sei jemandem begegnet, der seinem Hintern so viele Fürze abzufordern gewußt habe, wie er wollte, und sein Kommentator Vives dies durch das Beispiel eines Mannes noch überbietet, der zu seiner Zeit genau auf den Tonfall ihm vordeklamierter Verse abgestimmte Fürze habe herunterorgeln können …“ (Michel de Montaigne: Von der Kunst, das Leben zu lieben. Übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Hans Stilett, dtv 2007, S. 28). Ende des 19. Jahrhunderts soll es in Frankreich einen Kunstfurzer namens Pujol gegeben haben, der bei öffentlichen Auftritten die Marseillaise furzen konnte.

Um auf die Kijimea-Werbung zurückzukommen: Nicht die Blähung an sich ist das Problem, sondern das Zurückhalten derselben aus gesellschaftlicher oder familiärer Rücksichtnahme. Würde man ihr, der Blähung, ohne Scham und Hemmung freien Lauf lassen, würde es erst gar nicht zum schmerzhaften Stau kommen, und Kijimea wäre sinnlos (wirkungslos ist es ja vermutlich sowieso). Der bereits erwähnte Michel de Montaigne hat auf die Gefahr hingewiesen, die von unterdrückten Blähungen ausgeht und wollte erfahren haben, „wie oft uns der Bauch durch einen einzigen verhaltenen Furz bis an die Schwelle eines äußerst qualvollen Todes zu führn vermag“. Das scheint mir nun doch etwas übertrieben. Aber vieles spricht dafür, dem öffentlichen Furzen mehr Raum zu geben. So ließe sich zum Beispiel dem coronageschuldeten Abstandsgebot leichter Geltung verschaffen: Kommt dir jemand im Bus oder im Supermarkt zu nahe, einfach einen – in diesem Falle deutlich hörbaren – Furz emittieren. Oder im Kino, wenn du dich durch Popkorngeknister und geruchsintensive Dips belästigt fühlst, einfach Gleiches mit Gleichem heimzahlen und deine körpereigenen Abwehrinstrumente zum Einsatz bringen. Sogar als Ausdruck des politischen Protestes gegen ungezügelten Kapitalismus lässt sich der Furz einsetzen: Um zum Beispiel in einer Verkaufsstelle für chemische Kampfstoffe (=Douglas-Filiale) gegen die dort herrschende Geruchsorgie anzustinken.

Grundsätzlich gilt es als unschicklich, in Gegenwart Anderer zu furzen. Geschieht es trotzdem, ungewollt und ohne politische Absicht, so ist es dem Verursacher meistens peinlich und er – oder sie, aber man denkt doch eher er – versucht seine Urheberschaft zu verbergen. Ebenso unschicklich ist es, den vermeintlichen Verursacher direkt auf sein „Vergehen“ anzusprechen: „Haben Sie etwa gerade gefurzt?“ Ich empfehle für solche Fälle eine diplomatischere Variante, die den Furzer nicht gleich bloßstellt: „Verzeiht! ich hör euch deklamieren; Ihr last gewiß ein griechisch Trauerspiel?“ (so Wagner zu Faust in Goethes Tragödie Erster Teil). Solcherlei Geschwurbel würde sich erübrigen, wenn das öffentliche Furzen enttabuisiert würde. 

Wie aber sieht es mit Flatulenzen im privaten Umfeld, in der Beziehung aus? Darf, ja soll man in Gegenwart des geliebten Menschen einen oder mehrere fahren lassen? Wie viele Fürze hält eine gute Beziehung aus? Kaum jemand wird schon beim ersten Rendezvous pupsen, wenn es sich vermeiden lässt. Alena Schröder hat in einer Kolumne in der Süddeutschen Zeitung vom 21. März 2016 unter der Überschrift „Der Schwefelgeruch der Liebe“ gemeint, ein Furz sei der „gastroenterologische Ausdruck für »Ich liebe Dich!“ Was sie damit meinte: Ich muss dir nichts vorspielen, auch meine Blähungen sind Teil von mir. Und die Partnerin oder der Partner toleriert die Furzerei. Das funktioniert aber nur, wenn die Beziehung stabil ist. Gerät die Beziehung in eine Krise, in eine destruktive Phase, dann kann der ungehemmt emittierte Furz eine andere Aussagekraft bekommen, nämlich (ich zitiere Alena Schröder) „Ich bin zu faul, um vom Sofa aufzustehen und diese enorme, stinkende Gaspeitsche aus Höflichkeit und Achtung vor Dir aufs Klo zu tragen. Dies ist kein versehentlich losgelassenes Zeichen meiner Gelöstheit in deiner Gegenwart, sondern die absichtliche Manifestation meiner Trägheit. Mit diesem schwefligen Fanfarenstoß zeige ich Dir, wie gleichgültig Du mir im Grunde bist, wie wenig ich noch das Bedürfnis habe, mir ein wenig Mühe zu geben, um Dir meine Gesellschaft so angenehm wie möglich zu machen.« Der Furz ist demnach so etwas wie der »Wind of Change« einer Partnerschaft, zum Guten wie zum Schlechten. Durch diesen Sturm gemeinsam in Richtung Sonnenuntergang zu segeln, ist die hohe Kunst der Liebe.“

Es kommt also, wie so oft im Leben, auf den Kontext an. Ich furze, also bin ich. Du furzt, also liebst du mich. Oder auch nicht. Darauf hat auch Kijimea keine abschließende Antwort.


5 Kommentare on “„Papa hat immer gepupst“. Ein Beitrag zur Enttabuisierung des Furzens”

  1. Stephan Schwär sagt:

    „Windhauch, Windhauch sagte Kohelet. Windhauch, das alles ist Windhauch.“
    Die Bibel, Koh 1,2
    oder auch 8,8: „Es gibt keinen Menschen der Macht hat über den Wind, so dass er den Wind einschließen könnte.“

  2. Gertrud sagt:

    Super, lieber Jürgen! Danke!

  3. Christian sagt:

    ob Deine Idee, dem coronageschuldeten Abstandsgebot auf diese Art nachzuhelfen, geeignet ist, wäre angesichts des beiliegenden clips allerdings in Frage zu stellen…

    Sollte also Covid 19 inzwischen über Flatulenzen übertragbar sein und Dir begegnet unwahrscheinlicherweise mal eine Person „unten ohne“, dann handelt es sich vermutlich um einen coronaleugnenden „Maskenverweigerer“.
    Also merke: immer schön in die Armbeuge flatulieren

  4. Ohne jetzt den Diskurs über Corona-Fürze in weitere Dimensionen vorantreiben zu wollen: Ob es angeraten ist, in die Armbeuge zu furzen, dazu hat sich Herr Lauterbach merkwürdigerweise noch nicht öffentlich geäußert. Wo er doch sonst zu jedem Pups ein Statement abgibt!

  5. Danke für den Hinweis zu diesem Text! 😉 Sehr passend!
    Hier noch der Link zu meinem „duftigen“ Beitrag:
    https://bullauge-blog.de/2022/09/30/gasblase/


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